INSPIRE

COM(2025) 985
Die Europäische Kommission hat den Vorschlag zur Vereinfachung der INSPIRE-Richtlinie als Teil eines Umwelt-Vereinfachungs-Omnibus (nicht des Digital Omnibus) verabschiedet. Es handelt sich um einen separaten, sektorspezifischen Omnibus-Zweig - das ist die erste wichtige Einordnung.


Der Vorschlag verfolgt das Ziel, die INSPIRE-Richtlinie (2007/2/EG) zu vereinfachen, indem Anforderungen gestrichen oder angepasst werden, die sich als übermäßig präskriptiv oder duplikativ erwiesen haben - ohne die wesentlichen Ziele der Zugänglichkeit, Qualität und Interoperabilität von Geodaten zu beeinträchtigen. Konkret soll u.a. die Pflicht der Kommission, ein INSPIRE-Geoportal zu betreiben, entfallen, und die Meldepflichten der Mitgliedstaaten sollen mit anderen Berichtspflichten zusammengeführt werden.

Hinweis: COM(2025) 985 befindet sich noch im EU-Gesetzgebungsverfahren und ist noch nicht in Kraft getreten. Die bestehenden INSPIRE-Pflichten gemäß Richtlinie 2007/2/EG bleiben bis zum Abschluss des Verfahrens vollumfänglich bestehen.



Der Transformationsansatz sichert gleichzeitig die HVD-Compliance gemäß Verordnung (EU) 2023/138, die Interoperabilität im Green Deal Data Space und die KI-Readiness der Datenstrukturen.

Regulatorische Treiber

  • COM(2025) 985: Aufhebung der INSPIRE-Geoportal-Pflicht, Streichung duplikativer Interoperabilitätsermächtigungen
  • Digital Omnibus (COM 837): Open-Data-RL wird in Data Act überführt -INSPIRE-Datenteilung wird damit durch horizontale Regeln abgedeckt
  • HVD-VO (EU) 2023/138: Verpflichtende APIs und Bulk-Download-Formate für räumliche Daten ab sofort anwendbar
  • KI-Omnibus (COM 836): Datenverfügbarkeit als Grundlage KI-konformer Anwendungen in der öffentlichen Verwaltung

Ausgangslage in den Bundesländern

Technische Bestandsaufnahme

Die 16 deutschen Bundesländer haben seit 2007 umfangreiche INSPIRE-Infrastrukturen aufgebaut. Diese basieren auf einem Technologiestack, der heute mehrfach Limitierungen zeigt:

Komponente Stand Problematik
Datenformat GML 3.2 / GML 3.1 (XML-basiert) Schwergewichtige Strukturen, schlechte Lesbarkeit für KI-Systeme
Metadaten ISO 19115 / CSW 2.0.2 Veraltetes Protokoll, kein REST, keine JSON-API
Dienste WMS 1.1/1.3, WFS 2.0, WCS SOAP/XML-lastig, kein natives HTTP-Caching
Geoportal Nationale/länderspezifische INSPIRE-Portale COM(2025) 985 streicht Kommissions-Geoportal-Pflicht
Interoperabilität INSPIRE-Implementierungsregeln (Reg. 1089/2010) Wird durch HVD-VO und Data Act abgelöst
Datenzugang Meist über Download-Dienste (Atom/WFS) Kein STAC, kein OGC API, kein Bulk-JSON

Themenrelevante INSPIRE-Annex-Datensätze

Für z. B. den Hochwasserschutz und die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) sind folgende INSPIRE-Themen besonders relevant:

  • Annex I: Gewässernetz (Hydrography), Schutzgebiete, Verwaltungseinheiten
  • Annex III: Gewässerkunde (Hydrological Geography), Naturgefährdungszonen, Boden, Bodennutzung
  • Querschnittlich: Umweltüberwachungsdaten (EF), Beobachtungsdaten (OF&E)

Diese Datensätze fallen gleichzeitig unter die HVD-Kategorien „Geodaten“ (Anh. I, Nr. 2) der Verordnung (EU) 2023/138 und unterliegen damit den API-Pflichten der HVD-VO.

Zielarchitektur: Geodatenstandards

Überblick der Zielformate und -protokolle

Standard Beschreibung INSPIRE-Äquivalent
GeoJSON (RFC 7946) Leichtgewichtiges JSON-Vektorformat; native Browser-/JS-Unterstützung WFS / GML-Download
OGC API Features (Part 1-4) RESTful HTTP-API für Vektordaten; JSON/HTML-Ausgabe WFS 2.0
OGC API Records Metadaten-API im JSON-Format; ersetzt CSW CSW 2.0.2
OGC API Tiles Vektorkacheln (MVT) und Rasterkacheln über REST WMTS
SensorThings API (OGC) Echtzeitdaten und Zeitreihen; JSON-basiert WCS / SOS
STAC (Spatio-Temporal Asset Catalog) Katalogstandard für räumlich-zeitliche Assets (Fernerkundung) Kein INSPIRE-Äquivalent
Cloud Optimized GeoTIFF (COG) Rasterdaten für Streaming und Range Requests WCS-Download
FlatGeobuf Binäres Vektorformat; hochperformant für Bulk-Downloads Atom-Download / WFS-Bulk

Anforderungen aus HVD-Verordnung (EU) 2023/138

Die HVD-VO stellt konkrete technische Anforderungen, die mit OGC-Standards erfüllbar sind:

HVD-Anforderung (Art. 3–5) Technische Umsetzung
API-basierter Datenzugang OGC API Features / OGC API Records
Bulk-Download-Möglichkeit FlatGeobuf, GeoPackage, GeoJSON-Dump via STAC
Maschinenlesbare Metadaten OGC API Records, DCAT-AP 3.0, GeoJSON-LD
Offene Lizenz ohne Beschränkungen CC0 / CC BY 4.0 als SPDX-Lizenzkennzeichnung
Kostenfreier Zugang Zugangskontrolle nur für sensible Daten (Art. 13 INSPIRE)
Hochverfügbarkeit und Monitoring API-Gateway mit SLA-Monitoring, OpenAPI 3.1 Spec

Dreistufiger Migrationspfad

Stufe 1: Transkodierung - GML zu GeoJSON (Kurzfristig, 0–12 Monate)

Die erste Stufe setzt auf minimale Infrastrukturanpassungen durch automatisierte Format-Konvertierung bestehender INSPIRE-Datenquellen:

Technische Kernwerkzeuge

  • GDAL/OGR (ogr2ogr): Standardwerkzeug für GML-zu-GeoJSON-Konvertierung; unterstützt alle INSPIRE-GML-Schemata
  • GeoServer / QGIS Server: WFS-Dienste können GeoJSON als Ausgabeformat nativ bereitstellen (outputFormat=application/json)
  • pygeoapi: Python-basierte OGC-API-Features-Referenzimplementierung; INSPIRE-Daten per YAML-Konfiguration einbindbar
  • ldproxy: Java-basierter OGC-API-Features-Proxy; transformiert WFS 2.0 in OGC API Features on-the-fly

Konvertierungslogik: GML-Komplextypen

Eine zentrale Herausforderung ist die Abflachung von INSPIRE-spezifischen GML-Komplextypen in flache GeoJSON-Strukturen:

Beispiel: Hydrography – WatercourseLink (INSPIRE) --> GeoJSON
GML-Original: 1234.5
...
GeoJSON-Ziel: { "type": "Feature", "id": "watercourselink.1",
"properties": { "length": 1234.5, "length_uom": "m", "startNode": "...",
"endNode": "...", "flowDirection": "inDirection" },
"geometry": { "type": "LineString", "coordinates": [...] } }
Mapping-Regel: Einheiten (uom) als separate Property; xlink:href als URI-String; CodeList-Werte als ISO-19135-URI

Qualitätssicherung Stufe 1

  • Schema-Validierung mit INSPIRE Validator (ETF-Framework) vor und nach Konvertierung
  • Geometrische Integritätsprüfung: Topologie, CRS-Transformation (ETRS89/UTM -->WGS84 für GeoJSON, Rückrichtung optional)
  • Attributvollständigkeit: Pflichtattribute gemäß INSPIRE-Datenschemata (z. B. localId, namespace, beginLifespanVersion)

Stufe 2: API-Modernisierung - OGC API Features (Mittelfristig, 12–24 Monate)

Stufe 2 ersetzt den WFS-2.0-Stack durch eine vollständige OGC-API-Features-Implementierung und bindet die Metadatenverwaltung über OGC API Records an.

Architekturkomponenten

Komponente mögliche Lösung / Standard
Feature-API (Kern) pygeoapi 0.18+ oder ldproxy 4.x (beide OGC-konform zertifiziert)
Metadaten-API OGC API Records (Part 1) mit DCAT-AP 3.0-Mapping
Katalog-Endpunkt GeoNetwork 4.x (CSW+OGC API Records hybrid) oder pycsw 3.x
Tile-Dienste pg_tileserv (PostGIS-basiert) oder MapLibre GL- kompatibler Tile-Server
Echtzeitdaten SensorThings API v1.1 (FROST- Server); für Pegeldaten/Sensormesswerte
API-Gateway Kong oder Traefik; OAuth2/OIDC für geschützte Datenbereiche
Dokumentation OpenAPI 3.1 Spec; automatisch generiert durch OGC-API-Implementierungen

Datenbankschicht: PostGIS als Fundament

Für leistungsfähige OGC-API-Implementierungen empfiehlt sich (z. B.) PostgreSQL/PostGIS als zentrales Geodatenbanksystem:

  • GML- Daten via ogr2ogr direkt in PostGIS importieren (ogr2ogr -f PostgreSQL)
  • Spatial Indexing: GIST-Indizes für geometrische Abfragen; BRIN für Zeitreihendaten
  • Materialized Views für häufig abgefragte INSPIRE-Konformitaetssichten
  • pg_partman für Zeitreihentabellen (Beobachtungsdaten, Pegelmesswerte)

OGC API Features: Endpunkt-Struktur

Beispiel: Endpunkt-Struktur für Gewässerdaten
GET /ogcapi/ --> Landing Page (JSON/HTML)
GET /ogcapi/conformance -->Conformance Classes
GET /ogcapi/collections -->Liste aller Feature Collections
GET /ogcapi/collections/gewaesser -->Collection Metadata (DCAT-AP-kompatibel)
GET /ogcapi/collections/gewaesser/items -->GeoJSON Feature Collection
GET /ogcapi/collections/gewaesser/items/{id} -->Einzelnes Feature
GET /ogcapi/collections/pegelstationen/items?bbox=7.5,49.5,8.2,50.1 -->Spatial Query
GET /ogcapi/collections/pegelstationen/items?datetime=2025-01-01/.. -->Temporal Query

Stufe 3: Datensouveränität und KI-Readiness (Langfristig, 24–48 Monate)

Stufe 3 adressiert die strategische Ebene: Geodaten werden nicht nur zugänglich, sondern auch KI-ready, souverän verwaltbar und in europäische Datenräume integrierbar.

Linked Data und semantische Interoperabilität

  • GeoJSON-LD: Ergänzung von GeoJSON mit JSON-LD-Context für maschinenlesbare Semantik (INSPIRE-Ontologien als RDF)
  • SPARQL-Endpunkt: Integration von Geodaten in Knowledge Graphs (z. B. über Apache Jena Fuseki)
  • EU Knowledge Graph: Anknüpfung an Eurostat, Copernicus, Destination Earth Knoten

STAC für Fernerkundungs- und Zeitreihendaten

  • STAC API 1.0.0 als Katalogstruktur für Rasterdaten (Sentinel, DGM, Luftbilder)
  • Cloud Optimized GeoTIFF (COG) für streaming-fähigen Rasterzugriff ohne Download
  • STAC Extensions: EO (Earth Observation), Timestamps, Projection für INSPIRE-kompatible Metadaten

Datenraum-Integration (GAIA-X / MDS)

  • IDS-konformer Datentreuhänder für sensible Umweltdaten (Hochwasserkarten, Schutzgebiete)
  • IDSA Connector (Eclipse Dataspace Components) als technische Grundlage
  • Anbindung an Mobility Data Space (MDS) und Green Deal Data Space
  • Katalogeintrag im europäischen Datenkatalog data.europa.eu über DCAT-AP 3.0

Bundesländer-spezifische Handlungsempfehlungen

Koordinationsrahmen

Die Migration sollte nicht 16-mal unabhängig voneinander durchgeführt werden. Folgende Koordinierungsebenen existieren:

Ebene Zuständigkeit / Empfehlung
Bund (BKG) Zentrale OGC-API-Referenzimplementierung; gemeinsame DCAT-AP-Profile; nationale Bulk-Download-Plattform
Ländergemeinschaft (AdV) Einheitliche GeoJSON-Schemata pro INSPIRE-Theme; gemeinsame PostGIS-Vorlagen; Test-Suite
FITKO / GovStack API-Gateway-Standards für öffentliche Verwaltung; OAuth2-Profil für Geodaten-APIs
Einzelbundesland Lokale PostGIS-Instanz; OGC-API-Features-Endpunkt; Migrationszeitplan nach eigenem Tempo

Priorisierung nach Datenkategorien

Nicht alle INSPIRE-Datensätze müssen gleichzeitig migriert werden. Folgende Priorisierung empfiehlt sich:

Produkt INSPIRE-Thema Begründung
Hoch (sofort) Gewässernetz (Hydrography) HVD-Pflicht; Hochwasserschutz; WRRL-Reporting
Hoch (sofort) Naturgefährdungszonen HVD-Pflicht; EU-Floods-Directive
Hoch (sofort) Verwaltungseinheiten, Adressen HVD-Pflicht (Kategorie: Geodaten)
Mittel (12 Mo.) Boden, Bodennutzung, Schutzgebiete Green Deal Data Space; LULUCF-Reporting
Mittel (12 Mo.) Umweltüberwachung (EF) E-PRTR; Reporting-Vereinfachung durch COM(2025) 985
Niedrig (24 Mo.) Statistische Einheiten, Verkehrsnetze Geringerer Handlungsdruck; existierende Lösungen

Rechtlicher Rahmen und Compliance

Auswirkungen von COM(2025) 985 auf Umsetzungspflichten

COM(2025) 985 streicht mehrere INSPIRE-Pflichten, die bisherige Compliance-Aufwendungen verursacht haben:

Gestrichene Pflicht Entfällt als Referenzendpunkt; eigene Portale/APIs treten an die Stelle
Betrieb eines INSPIRE-Geoportals durch EU-Kommission Entfällt als Referenzendpunkt; eigene Portale/APIs treten an die Stelle
Separate Datenteilungsvorschriften (INSPIRE Art. 17) Wird durch Open-Data-RL / Data Act abgedeckt (kein Mehraufwand mehr)
Interoperabilitäts-Implementing Rules (Reg. 1089/2010) Wird durch HVD-VO API-Pflichten ersetzt; technische Spezifikationen vereinfacht
Monitoring & Reporting (Implementing Decision 2019/1372) Wird an EU-Umweltberichtspflichten angeglichen; Frequenz reduziert

Fortbestehende Pflichten

  • HVD-VO (EU) 2023/138: API- und Bulk-Download-Pflicht für räumliche Datensätze (direkt anwendbar)
  • INSPIRE-Kernpflichten: Metadaten, Netzdienste (bis Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens zu COM(2025) 985)
  • Umweltinformationsgesetz (UIG) / Directive 2003/4/EC: Aktiver Datenzugang bleibt Pflicht
  • DSGVO / BDSG: Keine Änderung für personenbezogene Geodaten (z. B. Katasterdaten)

KI-Reallabor-Kontext: Besonderheiten

Für den Betrieb eines KI-Reallabors (Art. 57–63 EU AI Act) mit Geodaten-Komponenten gelten zusätzliche Anforderungen:

  • Trainingsdatendokumentation: GeoJSON-Datensätze müssen mit Data Cards (Herkunft, Qualität, Lizenz) versehen werden
  • Datengouvernanz: IDS-konformer Datentreuhänder für den Datenaustausch zwischen BfG, Bundesländern und KI-Modellen
  • Hochrisiko-KI: Hochwasservorhersagemodelle fallen unter EU AI Act Anhang III (kritische Infrastruktur) - Datendokumentation ist Compliance-Pflicht

Implementierungsplan

Meilenstein-Übersicht

Zeitraum Meilenstein Zuständig
M 1–3 Bestandsaufnahme: Inventar aller INSPIRE- Dienste und -Datensätze je Bundesland Landesvermessungsämter / GDZ
M 3–6 Pilotprojekt: GeoJSON-Migration für HVD-Pflichtdatensätze (Gewässernetz, Adressen) BKG + 2-3 Pilotländer
M 6–12 OGC API Features Deployment: pygeoapi/ldproxy-Instanzen je Bundesland Alle Bundesländer (AdV-Koordination)
M 12–18 OGC API Records: Metadaten-Migration von CSW zu JSON-basiertem Katalog GovData.de / mCLOUD
M 18–24 STAC-Katalog für Raster- und Zeitreihendaten; SensorThings API für Pegeldaten BfG + Bundesländer
M 24–36 Datenraum-Integration: IDS-Connector, GAIA-X-Anbindung, Linked Data FITKO + strategische Partner
M 36–48 Vollständige HVD-Compliance und INSPIRE-Post-COM(2025)985-Konformität Alle Ebenen

Fazit

COM(2025) 985 ist kein Anlass zur Verunsicherung, sondern eine Chance zur Überholung veralteter Infrastrukturen. Der dreistufige Migrationspfad GML à GeoJSON à OGC API à Datenraum ermöglicht es den Bundesländern, INSPIRE-Compliance mit HVD-Pflichten und KI-Readiness in einem integrierten Ansatz zu verbinden.

Die Investition in moderne Geodatenstandards zahlt sich dreifach aus: regulatorisch (HVD-Compliance), operativ (Kostensenkung) und strategisch (KI-Grundlage für Klimaanpassung).