IT-Grundschutz++ EU KI-Omnibus / Digital-Omnibus

1. Zusammenfassung

Die Anforderungen des BSI IT-Grundschutz++ werden hier mit den Regelungen des EU KI-Omnibus und Digital-Omnibus verglichen. Ziel ist die Identifikation von Synergien und Konfliktpotenzialen für den Betrieb des KI-Reallabors und insbesondere für KI-gestützte Anwendungen.

2. Zeitachsen-Synchronisation

Die unterschiedlichen Inkrafttretens-Zeitpunkte erfordern eine parallele Compliance-Planung:

Regelwerk Datum Relevanz KI-Reallabor
IT-Grundschutz++ Januar 2026 Neue Methodik für ISMS, JSON/OSCAL-Format
NIS2-Umsetzungsgesetz Dezember 2025 Meldepflichten, BSI-Registrierung bis März 2026
AI Act – Verbote Februar 2025 Keine Hochrisiko-Anwendungen mit verbotenen Praktiken
AI Act – Hochrisiko (Anh. III) max. 02.12.2027* *Verschiebung bis Standards verfügbar (KI-Omnibus)
Digital-Omnibus SEP 18-24 Mon. n. inkrafttreten Single Entry Point für Incident-Meldungen via ENISA

3. Anforderungs-Mapping: IT-Grundschutz++ → AI Act

3.1 Risikomanagement

IT-Grundschutz++ AI Act Artikel Harmonisierungshinweis
CIA-Kennzahlen je Anforderung Art. 9 Risikomanagement GS++ CIA-Scores als Basis für AI-Act-Risikoklassen nutzen
5-Stufen-Modell (Basis→Erhöht) Anhang III Hochrisiko-Klassifikation Stufe 4-5 = potentiell Hochrisiko nach AI Act
Kontinuierlicher PDCA-Zyklus Art. 9(2) laufende Überwachung GS++ Monitoring-Konzept auf AI-Lifecycle erweitern

3.2 Datenqualität und Trainingsdaten

BSI-Dokument AI Act Artikel Integration
QUAIDAL-Kriterienkatalog Art. 10 Daten-Governance QUAIDAL-Bausteine erfüllen Art. 10(2)-(5)
AIC4 Kriterium DM-02 Art. 10(2)(f) Bias-Erkennung AIC4 Access Mgmt + Art. 4a KI-Omnibus
GS++ Baustein Datenschutz Art. 10(5) DSGVO-Konformität Datenschutz-TOM aus GS++ übernehmen

3.3 Dokumentation und Transparenz

IT-Grundschutz++ AI Act Artikel Umsetzung
Maschinenlesbare OSCAL/JSON Art. 11 Techn. Dokumentation GS++ Export als Basis für AI-Act-Doku nutzen
GitHub-Repository (öffentlich) Art. 13 Transparenz Versionierung belegt Compliance-Historie
Sicherheitskonzept nach BSI 200-2 Art. 17 QMS-Dokumentation Siko-Kapitel auf AI-QMS-Anforderungen mappen

4. Meldepflichten-Synchronisation

Der Digital-Omnibus führt einen Single Entry Point (SEP) bei ENISA ein. Für das KI-Reallabor ergeben sich folgende Melde-Szenarien:

Ereignis NIS2 (BSI) DSGVO AI Act SEP-Konsolidierung
Cyberangriff auf KI-System 24h Early Warning 72h→96h* --- *Omnibus: 96h, High-Risk only
Datenleck Trainingsdaten 72h Incident Report 72h→96h* Art. 62 schwerer Vorfall Einmalige Meldung via ENISA
Adversarial Attack 30d Abschluss --- Art. 62 + Art. 72 Post-Market Monitoring Plan
Modell-Bias erkannt --- Ggf. Art. 33 Art. 72 PM-Report

5. Aufsichtsarchitektur

5.1 Nationale Ebene (Deutschland)

  • BSI: IT-Grundschutz++, NIS2, kritische Komponenten
  • BfDI: DSGVO, KI-Datenschutzaspekte
  • BNetzA: Sektorspezifische KI (Energie, TK)
  • Marktüberwachungsbehörden der Länder: AI Act Hochrisiko

5.2 EU-Ebene

  • AI Office (Kommission): GPAI-Modelle, VLOPs mit KI
  • ENISA: Cybersecurity-Koordination, SEP-Betrieb
  • EDPB: Datenschutz-Guidelines (auch für KI-Training)

Hinweis: Der KI-Omnibus stärkt die Rolle des AI Office für grenzüberschreitende Systeme. Für rein landesinterne Anwendungen bleibt primär die Landesebene zuständig.


6. KI-spezifische Anforderungen im Detail

6.1 IT-Grundschutz++ KI-Bausteine

Baustein/Katalog Inhalt AI-Act-Bezug
QUAIDAL Datenqualität in KI-Lifecycle, Metriken Art. 10 Daten-Governance
AIC4 KI-Cloud-Dienste Sicherheitskriterien Art. 15 Genauigkeit/Robustheit
Adversarial-ML-Guidelines Schutz vor manipulativen Eingaben Art. 15(4) Cybersecurity
LLM-Kriterienkatalog Integration externer gen. KI-Modelle Art. 52 GPAI-Transparenz

6.2 KI-Omnibus Erleichterungen

Maßnahme Änderung Relevanz Reallabor
Art. 4a (neu) Bias-Training mit Art. 9 DSGVO-Daten erlaubt Erleichtert faire KI-Entwicklung
Art. 49 Registrierung Entfall bei Nicht-Hochrisiko-Einstufung Weniger Bürokratie für Low-Risk-Systeme
Art. 72 Post-Market Flexible Leitlinien statt starrem Template Anpassbare Monitoring-Pläne
KMU-Privilegierung Vereinfachte Dokumentationspflichten Betrifft kommunale Partner
Watermarking-Übergang Frist bis 02.08.2028 für Bestandssysteme Zeitpuffer für generative Komponenten

7. Handlungsempfehlungen für KI-Reallabore

7.1 Kurzfristig (Q1-Q2 2026)

  1. BSI-Registrierung nach NIS2 bis März 2026 abschließen
  2. Sicherheitskonzept auf IT-Grundschutz++ Struktur migrieren
  3. CIA-Kennzahlen für alle Reallabor-Systeme definieren
  4. Melde-Workflows für dreistufiges NIS2-System implementieren

7.2 Mittelfristig (2026-2027)

  1. QUAIDAL-Anforderungen in KI-Entwicklungsprozesse integrieren
  2. AI-Act-Konformitätsbewertungen vorbereiten
  3. Monitoring-System gemäß Art. 72 AI Act aufbauen
  4. ENISA-Portal-Integration vorbereiten (sobald verfügbar)

7.3 Langfristig (ab 2027)

  1. Automatisierte Compliance-Prüfung über GS++ JSON-Schnittstellen
  2. Integration in Stand-der-Technik-Bibliothek des BSI
  3. Erfahrungsberichte für nationale KI-Sandbox-Koordination bereitstellen

Die Aufgabe im Reallabor

Ein Reallabor ist kein reiner "Testserver". Die Aufgabe besteht 2026 darin, Compliance-by-Design zu beweisen.

  • Beispiel: Ein Reallabor für Energie-KI muss nachweisen, dass das Modell nicht durch manipulierte Sensordaten (Adversarial Attacks) dazu gebracht werden kann, das Stromnetz abzuschalten.

  • Monitoring: Hier kommen die erwähnten CIA-Kennzahlen zum Einsatz. Die "Integrität" (I) bedeutet hier: Die KI-Entscheidung basiert auf unverfälschten Echtzeitdaten.

Verfügbarkeit (A-Aspekt der CIA-Triade)

Unter NIS2 müssen Reallabore, die als "besonders wichtige Einrichtungen" eingestuft sind, Business-Continuity-Pläne vorlegen.

  • Praxis: Wenn die KI zur Steuerung kritischer Infrastruktur (KRITIS) ausfällt, muss innerhalb von Sekunden ein "Fall-Back"-System (z. B. eine klassische regelbasierte Steuerung) übernehmen. Dies wird im Rahmen der NIS2-Meldeworkflows regelmäßig auditiert.

Zuständige Stelle

Seit 2026 ist die Zuständigkeit zweigeteilt:

  • Fachaufsicht: Prüft, ob die KI ihren Zweck erfüllt (z. B. die Bundesnetzagentur im Bereich Energie).

  • Sicherheitsaufsicht: Das BSI überwacht über das neue Zentrale Meldeportal (seit Jan. 2026 online), ob die IT-Sicherheitsprotokolle (NIS2) eingehalten werden.

Einschätzung zum aktuellen Stand der Umsetzung dieser spezifischen Empfehlungen für das erste Halbjahr 2026:


BSI-Registrierung nach NIS2 (Frist: März 2026)

  • Status: Hohe Priorität / In Umsetzung.

  • Details: Da die Umsetzungsfrist für NIS2 in deutsches Recht (NIS2UmsuCG) bereits verstrichen ist, ist die Registrierung beim BSI für Betreiber kritischer Anlagen und "besonders wichtiger Einrichtungen" verpflichtend. KI-Reallabore, die Sektoren wie Gesundheit, Energie oder Transport bedienen, haben diesen Prozess größtenteils priorisiert, um Bußgelder zu vermeiden.

Migration auf IT-Grundschutz++ Struktur

  • Status: Herausfordernd / Teilweise verzögert.

  • Details: Das Konzept "IT-Grundschutz++" zielt darauf ab, den klassischen Grundschutz um spezifische KI-Sicherheitsbausteine (z. B. Schutz gegen Adversarial Attacks oder Model Inversion) zu erweitern.

    • Während große staatlich geförderte Reallabore die Migration vorantreiben, kämpfen kleinere Pilotprojekte mit der Komplexität der Dokumentation.

    • Oft wird zunächst ein "Delta-Audit" durchgeführt, statt die gesamte Struktur sofort zu migrieren.

Definition von CIA-Kennzahlen (Vertraulichkeit, Integrität, Verfügbarkeit)

    • Status: Weitgehend umgesetzt.

    • Details: Das Monitoring der CIA-Triade (Confidentiality, Integrity, Availability) ist die Basis für die Zertifizierung. In KI-Reallaboren wurden diese klassischen Metriken für Q1 2026 um "Data Lineage" und "Model Drift" Kennzahlen ergänzt, da die Integrität der Trainingsdaten direkt die Systemsicherheit beeinflusst.

Melde-Workflows für dreistufiges NIS2-System

  • Status: Kritischer Fokus in Q1/Q2.

  • Details: Das dreistufige Meldesystem (Erstmeldung nach 24h, Zwischenmeldung nach 72h, Abschlussbericht nach einem Monat) ist prozessual eine der größten Hürden.

    • Die meisten Reallabore implementieren aktuell automatisierte Ticketing-Systeme, um diese engen Fristen halten zu können.

    • Die Koordination zwischen den Landesdatenschutzbeauftragten und dem BSI ist hierbei oft noch ein Reibungspunkt in der Praxis.


8. Offene Fragen und Monitoring-Punkte

  • Finale Fassung des KI-Omnibus nach EU-Gesetzgebungsverfahren (voraussichtlich Ende 2026)
  • Verfügbarkeit harmonisierter Normen für Hochrisiko-KI (Trigger für Fristen)
  • Konkretisierung der Landesaufsicht für AI Act
  • Schnittstellen-Spezifikation des ENISA Single Entry Point
  • Fortschreibung der IT-Grundschutz++ Bausteine auf GitHub
  • EDPB-Guidelines zu Art. 4a KI-Omnibus (Bias-Training)