Sicherheitskonzept

Schutz von Angriffsflächen und Schließung von Sicherheitslücken

KI-Reallabor Rheinland-Pfalz - Beispiel (fiktiv): Hochwasser- und Starkregenrisikomanagement mit HydroZwilling-Integration

1. Veränderte Bedrohungslandschaft

Die Bedrohungslandschaft für kritische Infrastrukturen, öffentliche Verwaltungen und KI-Systeme hat sich fundamental verändert. Die Akteure, Methoden und Geschwindigkeit von Cyberangriffen erfordern ein grundlegend neues Sicherheitsparadigma.

1.1 Aktuelle Bedrohungsakteure

Akteur Charakteristik und Methoden
Staatlich unterstützte Gruppen Langfristige Einflussoperationen, KI-gestützte Desinformationskampagnen, gezielte Angriffe auf demokratische Prozesse und kritische Infrastrukturen. Beispiel: Pro-russische Hackergruppen bei DDoS-Angriffen auf deutsche Kommunen.
Ransomware-Gruppen Professionelle kriminelle Ökosysteme mit Ransomware-as-a-Service (RaaS). Gruppen wie Akira kombinierten Verschlüsselung, Datenexfiltration und öffentliche Diffamierung. Ziel: Kommunen und Bildungseinrichtungen als 'weiche Ziele'.
Hacktivisten Politisch motivierte Angriffe mit DDoS und Defacement. Sommer 2025: koordinierte Angriffe auf 30+ deutsche Städte. Niedrigschwellige Angriffe mit hoher Sichtbarkeit.
KI-gestützte Angriffe Automatisierte Phishing-Kampagnen, Deepfakes für Social Engineering, synthetische Identitäten aus kompromittierten Datensätzen. Seit 2024: über 60 Milliarden kompromittierte Datensätze verfügbar.

1.2 Relevante Vorfälle als Referenz

  • Südwestfalen-IT (Oktober 2023): 72 Kommunen mit 1,7 Mio. Einwohnern, 9 Monate bis Vollwiederherstellung, geschätzte Kosten >10 Mio. Euro
  • Hochschule Mainz (November 2025): IT-Systeme heruntergefahren, E-Mail-Adressen betroffen, Wiederherstellung laufend
  • Stadt Ludwigshafen (November 2025): Cyberangriff erforderte offline-nehmen aller Systeme, keine Datenexfiltration festgestellt

2. Spezifische Angriffsflächen des KI-Reallabors

Ein KI-Reallabor für z. B. Hochwasser- und Starkregenrisikomanagement kann aufgrund seiner Architektur und Datenflüsse spezifische Angriffsflächen auf,weisen, die systematisch geschützt werden müssen.

2.1 KI-spezifische Angriffsvektoren

Angriffsvektor Bedrohungsszenario Auswirkung auf Reallabor
Data Poisoning Manipulation der Trainingsdaten für Hochwasserprognose-Modelle Fehlerhafte Prognosen, verzögerte Warnungen, Gefährdung von Menschenleben
Model Extraction Reverse Engineering der proprietären HydroZwilling-Modelle Verlust intellektuellen Eigentums, Wettbewerbsnachteil
Adversarial Inputs Gezielt manipulierte Sensordaten zur Täuschung des KI-Systems Fehlalarme oder unterdrückte Warnungen
Prompt Injection Manipulation von LLM-basierten Assistenzsystemen Umgehung von Sicherheitskontrollen, unautorisierte Datenexfiltration

2.2 Infrastruktur-Angriffsflächen

  • Sensor-Netzwerk: IoT-Geräte für Pegelstände, Niederschlag und Bodenfeuchte als Edge-Devices ohne native Sicherheitsfeatures
  • Datenintegration: Schnittstellen zu DWD, Landesämtern und kommunalen Systemen als potenzielle Einfallstore
  • Cloud-Infrastruktur: Rechenkapazität für KI-Modelle, Container-Orchestrierung, API-Endpunkte
  • Kommunale Anbindung: VPN-Verbindungen, Datenexport zu Leitstellen, Integration in kommunale Warnsysteme

3. Sicherheitsarchitektur: Zero-Trust-Modell

Das KI-Reallabor implementiert eine Zero-Trust-Architektur nach dem Prinzip "Never Trust, Always Verify". Kein Benutzer, Gerät oder Dienst erhält implizites Vertrauen – jeder Zugriff wird kontinuierlich verifiziert.

3.1 Kernprinzipien

Prinzip Umsetzung im KI-Reallabor
Least Privilege Minimale Zugriffsrechte für jeden Dienst und Benutzer. KI-Modelle erhalten nur Zugriff auf spezifisch benötigte Datensätze.
Mikrosegmentierung Strikte Netzwerktrennung: Sensornetzwerk, Datenverarbeitung, KI-Training, Produktiv-Inferenz und Verwaltung in isolierten Segmenten.
Kontinuierliche Verifikation Jede Transaktion wird authentifiziert. Verhaltensbasierte Anomalieerkennung für alle Zugriffsmuster.
Assume Breach Sicherheitsdesign unter Annahme, dass Kompromittierung bereits erfolgt ist. Fokus auf Eindämmung lateraler Bewegung.

3.2 Identitäts- und Zugriffsmanagement (IAM)

  • Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA): Verpflichtend für alle Benutzer und Administratoren, passwortlose Verfahren wo möglich
  • Service-Identitäten: Zertifikatsbasierte Authentifizierung für alle Dienste, automatische Rotation alle 90 Tage
  • Privileged Access Management (PAM): Just-in-Time-Zugriff für administrative Aufgaben, vollständige Protokollierung aller privilegierten Aktionen
  • KI-Agenten-Identitäten: Dedizierte Identitäten für autonome KI-Prozesse mit granularen Berechtigungen

4. Technische Schutzmaßnahmen

4.1 Datensicherheit und Integrität

Unveränderliche Datenhaltung: Trainingsdaten und Modellversionen werden in unveränderlichen Speichersystemen mit kryptographischen Hashes gesichert. Jede Änderung erfordert Mehrfachfreigabe.

  • Ende-zu-Ende-Verschlüsselung: AES-256 für Daten at rest, TLS 1.3 für Daten in transit
  • Data Lineage: Vollständige Nachverfolgbarkeit aller Datenflüsse von Sensor bis Modelloutput
  • Backup-Strategie: Air-gapped Backups, regelmäßige Restore-Tests, georedundante Sicherung

4.2 KI-spezifische Sicherheitsmaßnahmen

Maßnahme Implementierung
Model Governance Versionskontrolle für alle Modelle, signierte Model-Artefakte, Audit-Trail für Modellentwicklung
Input Validation Plausibilitätsprüfungen für Sensordaten, Anomalieerkennung für eingehende Datenströme
Output Monitoring Drift-Detection für Modellergebnisse, automatische Alerts bei unplausiblen Prognosen
Human-in-the-Loop Kritische Entscheidungen (Warnstufen ab Rot) erfordern menschliche Bestätigung

4.3 Angriffserkennung und Reaktion

  • Security Information and Event Management (SIEM): Zentrale Korrelation aller Sicherheitsereignisse
  • Extended Detection and Response (XDR): KI-gestützte Bedrohungserkennung über alle Infrastrukturschichten
  • Incident Response Playbooks: Automatisierte Reaktion auf bekannte Angriffsmuster, Isolation kompromittierter Segmente
  • Threat Intelligence: Anbindung an BSI CERT-Bund und sektorspezifische Threat Feeds

5. Regulatorischer und Compliance-Rahmen

5.1 EU AI Act – Hochrisiko-Klassifizierung

Das KI-Reallabor operiert als Hochrisiko-KI-System gemäß Anhang III EU AI Act, da es als Sicherheitskomponente kritischer Infrastruktur (Hochwasserschutz) eingesetzt wird. Daraus resultieren:

  • Risikomanagement-System: Kontinuierliche Risikobewertung und -minderung über gesamten Lebenszyklus
  • Technische Dokumentation: Vollständige Dokumentation von Architektur, Trainingsverfahren und Validierungsmethoden
  • Menschliche Aufsicht: Mechanismen zur Überwachung und Intervention durch qualifiziertes Personal
  • Konformitätsbewertung: Regelmäßige Audits durch akkreditierte Prüfstellen

5.2 BSI IT-Grundschutz und IT-Grundschutz++

Die Sicherheitsarchitektur orientiert sich am BSI IT-Grundschutz (Edition 2023) mit Vorbereitung auf IT-Grundschutz++ (ab Januar 2026). Relevante Bausteine:

  • ISMS (Informationssicherheits-Managementsystem)
  • ORP (Organisation und Personal)
  • CON (Konzeption und Planung)
  • OPS (Betrieb)
  • DER (Detektion und Reaktion)
  • APP (Anwendungen) – spezifisch für Cloud und KI-Dienste

5.3 Reallabor-Klausel und regulatorische Sandbox

Als KI-Reallabor unter der EU AI Act Sandbox-Regelung (Art. 57) profitiert das Projekt von:

  • Begleiteter Erprobung unter Aufsicht der zuständigen Behörden
  • Strukturiertem Dialog mit Regulierungsbehörden während Entwicklung
  • Flexibilität bei der schrittweisen Compliance-Umsetzung

6. Notfall- und Kontinuitätsmanagement

Basierend auf den Lehren aus realen Vorfällen (insb. Südwestfalen-IT) implementiert das KI-Reallabor ein umfassendes Business Continuity Management nach BSI-Standard 200-4.

6.1 Business Impact Analyse

Prozess Max. Ausfallzeit Wiederherstellungsprioriät
Hochwasserwarnung aktiv 0 Stunden Kritisch – Failover zu Backup-System
Echtzeit-Datenerfassung 4 Stunden Hoch – manuelle Datenerfassung als Notfall
KI-Modell-Training 72 Stunden Mittel – bestehende Modelle nutzen
Reporting und Analyse 1 Woche Niedrig – manuelle Berichte

6.2 Notfallplanung

  1. Incident Detection: Automatisierte Erkennung durch SIEM/XDR innerhalb von Minuten
  2. Incident Triage: Klassifizierung nach Schweregrad, Aktivierung des Krisenteams
  3. Containment: Isolierung betroffener Segmente, Aktivierung von Backup-Systemen
  4. Eradication: Forensische Analyse, Entfernung von Schadsoftware, Patch-Management
  5. Recovery: Schrittweise Wiederherstellung aus verifizierten Backups
  6. Lessons Learned: Post-Incident-Review, Dokumentation, Anpassung der Sicherheitsmaßnahmen

7. Organisatorische Maßnahmen

7.1 Security Awareness und Anti-Social-Engineering

Angesichts der zunehmenden Sophistikation von Social-Engineering-Angriffen (inkl. KI-generierter Deepfakes und Phishing) sind gezielte Schulungsmaßnahmen essentiell:

  • Regelmäßige Phishing-Simulationen: Quartalsweise Tests mit aktuellen Angriffstechniken
  • Deepfake-Awareness: Schulung zur Erkennung manipulierter Audio-/Videoinhalte
  • Verifikationsprotokolle: Out-of-Band-Bestätigung für kritische Anfragen (Callback-Verfahren)
  • Meldewege: Niedrigschwellige Kanäle zur Meldung verdächtiger Aktivitäten

7.2 Governance-Struktur

  • Chief Information Security Officer (CISO): Gesamtverantwortung für Informationssicherheit, direkte Berichtslinie zur Projektleitung
  • KI-Sicherheitsbeauftragter: Spezialisiert auf KI-spezifische Risiken und EU AI Act Compliance
  • Security Operations Center (SOC): 24/7-Überwachung, ggf. als Managed Service mit kommunalem IT-Dienstleister
  • Koordination mit GStB: Abstimmung mit Gemeinde- und Städtebund für Sicherheitsstandards in Kommunen

8. Umsetzungsfahrplan

Phase Maßnahmen Zeitraum
Phase 1 Zero-Trust-Basisarchitektur, IAM-Implementation, Netzwerksegmentierung Q1 - Q2
Phase 2 KI-spezifische Sicherheitsmaßnahmen, Model Governance, SIEM/XDR-Integration Q2 - Q3
Phase 3 BCM-Implementierung, Notfallübungen, Penetrationstests Q3 - Q4
Phase 4 EU AI Act Konformitätsbewertung, BSI IT-Grundschutz++ Migration, Zertifizierung Q1 - Q2 im Folgejahr

8.1 Erfolgskennzahlen

  • Mean Time to Detect (MTTD): < 15 Minuten für kritische Sicherheitsereignisse
  • Mean Time to Respond (MTTR): < 1 Stunde für Containment-Maßnahmen
  • Recovery Time Objective (RTO): < 4 Stunden für kritische Warnsysteme
  • Security Awareness Score: > 90% erfolgreiche Abwehr simulierter Phishing-Angriffe